Sturmfahrt

Nach gut 43 Stunden und 257 Seemeilen liegt Qi bei Aguilas an der spanischen Festlandküste vor Anker. Man könnte sagen – ihr habt es ja nicht anders gewollt – es gab auf jeden Fall mal wieder eine extra-große Portion Wind und Welle.

Geplant war, uns von dem angekündigten Nord-West-Wind so weit wie möglich Richtung Gibraltar blasen zu lassen. Angekündigt waren bis zu 25, partiell auch schon mal 30 Knoten Wind –  also 6-7 Windstärken.  So viel zu Wettervorhersagen.

Unsere Abfahrt in Palma verzögerte sich zunächst ein wenig. Mein neuer Mitsegler hatte meine Sicherheitsausrüstung einer genauen Untersuchung unterzogen und festgestellt, dass in der Lampe meines Mann-über-Bord Rettungsringes die Batterien fehlten. Na klar – war ja brandneu. Also mussten am Sonntag Morgen schnell 5 D-Zellen besorgt werden. Hier musste dann leider improvisiert werden, denn ein Ausflug per Pedes nach erbrachte nur 4 solche Batterien. Das Provisorium funktionierte zunächst ganz gut, erheiterte uns dann aber auf der weiteren Überfahrt durch eine gelbliche Dauerbeleuchtung aus dem Rettungs-Equipment an der Heckreling. Die Lampe mochte offensichtlich nach unserer Manipulation nicht mehr nur im Wasser leuchten sonder stattdessen lieber einen permanenten Beitrag zur Beleuchtung der teils wüsten Szenerie beitragen.

Als es dann endlich losgehen sollte sprang der Motor nicht an – immer mal was neues. Nachdem eine kurze Meditation den Verdacht auf die Stromversorgung des Anlassers lenkte und die entsprechenden Kontakte gereinigt und konserviert waren, konnten wir am Sonntag gegen 13:00 Uhr ablegen.

Zunächst mussten wir mangels Wind aus der Bucht von Palma unter Motor auslaufen – einmal draußen wurden Segel gesetzt und es ging mit traurigen 2-3 Knoten unter einem von bedrohlichen Wolken bedeckten Himmel Richtung Ibiza davon. Im Laufe des Abends nahm der Wind auf angenehme 20 Kn zu und wir segelten mit wunderbaren 6-7 Kn unter Vollzeug auf unser Ziel zu. Um uns herum überall das Wetterleuchten von fernen Gewittern.

Als ich gegen 23:30 von meiner Wachcrew geweckt wurde sah es schon nicht mehr so schön aus. Das Gewitter war mittlerweile über uns und wir waren hoffnungslos überbesegelt. Wenig später – wir hatten mittlerweile das Großsegel weg gerefft und auch die Genua deutlich verkleinert – tobte sich über uns in Stock finsterer Nacht ein veritabler Gewittersturm mit 40 Kn Wind (8-9 Windstärken) und Böen bis zu 49 kn (10 Windstärken) aus. Nun muss man dazu sagen, dass Wind von hinten – zumal bei moderater Welle nicht so bedrohlich wirkt wie aus anderen Richtungen. Die Blitze und der Donner, dessen Druckwelle Hagai – mein Mitsegler im Segel spüren zu können meinte aber schon.

Das Gewitter ging irgendwann vorbei aber die konstanten 8 in Böen 9 Windstärken und Wolkenbruch-artigen Regengüsse blieben uns die ganze Nacht und auch am nächsten Tag erhalten. Am Montag Nachmittag hatte auch die See eine beeindruckende Höhe erreicht aber zumindest der Regen lies nach. Bedrohlich hohe, steile und teils brechende Wellen liefen von hinten auf und machten die Arbeit des Rudergängers zu einer sportlichen Herausforderung. Gegen 17:00 war es dann so weit, dass eine Welle meinte direkt über unserem Heck brechen zu müssen. Gaylyn stand am Ruder, ich saß daneben und sah das Drama kommen und konnte sie gerade noch warnen. Sekunden später standen wir klitschnass im bis zu den Waden mit Wasser gefüllten Cockpit. Untermalt wurde das ganze vom Zischen meiner Sicherheitsweste, die leider am Boden des Cockpits gelegen hatte und meinte angesichts des vielen Wassers mir das Leben durch spontanes Aufblasen retten zu müssen. Bilanz des kleinen Zwischenfalls: Hecklaterne abgerissen, Leitung der brandneuen Satellitenantenne abgerissen, nasse Füße.

Insgesamt war die Moral der Crew aber noch bestens. Wir beschlossen die sich anbietende Ankerbucht an der nahen Küste bei Cabo de la Nao links liegen zu lassen und uns lieber dem offenen Mittelmeer als einer etwas komplizierten Anfahrt zur Ankerbucht auszusetzen – zumal Ankern bei 40 kn Wind auch nicht unbedingt erholsam sein muss.

Also eine weitere schlaflose Nacht in der sich weiter aufbauenden See. Schlafen konnte man unter diesen Bedingungen nur sehr schlecht, denn das Schiff schaukelte auf dem extremen Raumwindkurs den wir fahren mussten um den Wellen wenig Angriffsfläche zu bieten bedenklich um die Mittelachse und hielt uns auch im Liegen noch in Bewegung. Dazu muss man erwähnen dass außer Gaylyn alle von mehr oder weniger schweren Anfällen von Seekrankheit geplagt wurden (die Fische hatten gut zu Essen) und ich mir bei einem Sturz mächtig die Rippen geprellt hatte was jede kraftvolle Bewegung zu Qual bzw. unmöglich machte.

Wir beschlossen daher das nächste Kap zu nutzen um zumindest den Wellen zu entkommen und dann in ruhigerem Wasser nach einer geeigneten Ankerbucht oder Marina zu suchen. Gegen Mitternacht war es so weit. Wir schummelten uns in schwerer See durch die Seeschiffahrtsstrasse entlang der spanischen Küste hindurch und am Cabo de Palos vorbei und waren wie durch ein Wunder plötzlich in ruhiger See unterwegs. Zwar gab es in Böen immer noch 8 Windstärken aber das wurde von uns mittlerweile nicht mehr als bedrohlich oder störend wahrgenommen.

Bunker

Gegen 8:00 Uhr morgens waren wir am vorläufigen Ende des Trips in einer zumindest interessanten Ankerbucht angekommen. Umgeben von hohen mit einem riesigen Weltkriegsbunker und diversen dem Tourismus geweihten Bunkern neueren Baujahres verzierten Klippen und fest verankert. Die Crew feiert dieses Ereignis jeder auf seine Art – mit Fress-Attacken, Koma-Schlafen bzw. einer Kombination aus beidem.

Jetzt heißt es regenerieren, aufräumen und dann geht es weiter. By the way, Hagai mein Mitsegler erzählt mir gerade, dass es laut Wetterbericht heute Morgen zwischen Ibiza und dem Festland mit bis zu 11 Windstärken geblasen hat. Schön, dass wir da bereits in Deckung waren.

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6 Responses to Sturmfahrt

  1. Silvie says:

    Hi Thomas,
    … und weg warst Du mitten im Satz. Als ich wieder anrufen wollte hieß es etwas wie “nicht mehr erreichbar” auf spanisch, da ist wohl dein Akku leer…;-))
    War aber schön, Dich mal wieder live on the phone gehabt zu haben und ich wollte eigentlich noch kurz Gaylyn sprechen und goofbye und schöne Reise wünschen. Gib’ ihr doch bitte eibn Küßchen, wir hören sicher noch voneinander, bevor Ihr auf große Fahrt geht. Bacio, auch vom Grünkohlmonster, Silvie

  2. Adudollah says:

    Selber Schuld, im November…

    • thomas says:

      No risk, no fun… Gaylyn sagt dazu übrigens ich hätte es wohl so gewollt weil ich gesagt habe dass mein Übungsjahr im Mittelmeer umsonst war weil ich nicht mal einen richtigen Sturm hatte. Das hat sich jetzt erledigt…

  3. Christian says:

    Moin Du Held der Winde nebst Crew,
    is ja alles abgefahren, wie ihr da so abgefahren seit. Mit der Zeit geit dat vöran. Hier wird dein Bogen ausgiebig gebiegt und anständig getroffen. Sonntag Saisons Out Turnier – schönes Herbstwetter vorbestellt. Der Garstedt-Parcours ist stark umgestellt, da fragt sich, ob du nicht mal ne neue Halle of Fame dazugesellst? Ich wünsch euch Mast- und Schotenbröseln. Hummel, Hummel, Mors, Mors aus der Lüneburger Nordheide 😉

    • thomas says:

      Exzellent! Weiter so. Immer schön munter bleiben. Hier bleibt es spannend – heute hat sich zur Abwechselung meine Lichtmaschine verabschiedet. Wollte schon längst eine zum Wechseln besorgt haben. Mein Schicksal kümmert sich rührend um mich und schafft mir zügig alle Probleme heran, die man sich so denken kann. Vielleicht habe ich dafür auf dem Atlantik meine Ruhe.
      Die Hall of Fame sieht ohnehin etwas seltsam aus. Was habt ihr mit Ralf angestellt ? Ich mach mal bei Gelegenheit eine neue…
      Grüße an alle…

      • Ralf says:

        hmmmhhh, jahhh, seitdem ich nicht mehr selbst schreibe ist das so eine Sache mit der Hall of Fame ;-)))))

        Gruss an alle Seefahrer !!!!

        Ralf

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