Picnic mit Krokodil

In unserer ersten Woche in Kolumbien haben wir noch nicht so fürchterlich viel auf die Reihe bekommen. Der Kolumbianer an sich und insbesonde der Costeño (Bewohner der heissen Küstenregion) zeichnet sich offensichtlich durch eine etwas dehnbare Zeitvorstellung aus. Die ersten 2 Tage in der Marina kämpften wir mit so trivialen Problemen wie der Bereitstellung eines Adapters zum Anschluss des Bootes an das Stromnetz durch die Marina. Nachdem ich die Information, dass der Elektriker in 5 min aufschlagen würde im Laufe des 2. Tages ein halbes Dutzend mal gehört hatte – davon einmal aus dem Munde des Elektrikers höchstselbst (bin in 5 min wieder da) riss mir irgendwann der Geduldsfaden.


Auch die defekte Wasserpumpe war bis dato nicht zu ersetzen – Dienstag soll sie aber geliefert werden und so lange (dann insgesamt 9 Tage) gibt es Wasser an Bord nur aus der Fußpumpe an der Spüle.
Immerhin haben wir mittlerweile die Stadt recht gründlich erforscht. Eine faszinierende Erfahrung – besonders der Markt ist eine Herausforderung für alle Sinne. Die schiere Menge an Produkten – eine Vielzahl tropischer Früchte und Gemüse, riesige Blöcke von Costeño-Käse, Fleisch und Fisch aller Gattungen wird begleitet vom Lärm der Strasse (Kolumbianer hupen ständig), den Rufen der Verkäufer und der allgegenwärtigen Musik. Nebenbei wird der Geruchssinn von einer Vielzahl von Aromen geflutet, von süßen Fruchtaromen bis hin zu verwesendem Fisch und schlimmeren. Außerdem ist die volle Konzentration gefordert um in dem Gedränge auf schlüpfrigem Boden und zwischen Pfützen von mit Unrat durchsetztem Wasser nicht auszurutschen.
Aber es gibt auch liebliche Viertel mit schönen Cafes, Bars und Restaurants und sogar ein wenig Altstadt.

Verhungern oder verdursten muss hier ohnehin niemand, denn die Bürgersteige sind voll von kleinen Fruchtständen, mobilen Saftbars und Garkûchen. Mikro-Unternehmen bieten auf der Strasse alle möglichen Dienstleistungen an.
Unser erster Ausflug führte uns am Donnerstag in den Nationalpark von Tayrona – dem Place to Go Nr. 1 in der Umgebug von Santa Marta. Der Bus dahin war eigentlich schon Abenteuer genug. Ein klappriges altes Gefährt Marke Chevolet vollgeladen mit Passagieren und einer Ladung Baustahl der im Gang abgelegt und irgendwo unterwegs abgeladen wurde. Im Park angekommen ging es zu Fuß weiter, bei Temperaturen deutlich über 30° und hoher Luftfeuchtigkeit eine Schweiß treibende Angelegenheit. Belohnt wurden wir durch den Anblick des wilden von zerklüfteten Felsen durchsetzten Urwaldes,  seiner vielfältigen Bewohner und am Ende des Marsches durch die wilden felsbewährten Strände der karibischen See.
Jan und Jack von der Segelyacht Anthem waren unsere Begleiter auf diesem Tripp, etwas älter und weniger unternehmungslustig als wir, waren sie vom Marsch schon etwas erschöpft, so dass wir am ersten Strand im Schutze eines großen Felsens Lager aufschlugen, um das mitgebrachte Picnic zu verköstigen.
Gaylyn – aufgrund ihrer australischen Herkunft immer alert und auf der Hut vor potentiell gefährlichem Ungeziefer, versuchte unsere Aufmerksamkeit auf einen unweit von uns in der Lagune treibenenden Baumstamm zu lenken, der sich unseren neugierigen Blicken jedoch entzog. Gaylyn war daraufhin davon überzeugt es müsse sich um ein Krokodil gehandelt haben, was allgemein eher mit Unglauben quittiert wurde. Kurz darauf – das Picnic war schon angerichtet, tauchte der verdächtige Baumstamm erneut auf, diesmal gut 10 Meter entfernt und klar als Krokodil erkennbar. Wir fühlten uns an unserem Standort vergleichsweise sicher und setzten unser Picnic fort aber ein Einheimischer, der durch meinem Versuch ein gutes Foto on dem Reptil zu ergattern darauf aufmerksam wurde schien ernsthaft beunruhigt.  Ich kann nur dazu raten Haustiere und Kleinkinder in Tayrona nicht an der Lagune spielen zu lassen..
Als Segler ist man von aktuellen Informationen (jenseits von Wetterberichten) oft abgeschnitten und wenn sie denn verfügbar sind, will man es meist gar nicht wissen, denn die meisten Nachrichten sind ja ohnehin schlecht. Daher war uns nicht wirklich bewußt, dass der Rest der Welt schon wieder vom Fußballfieber ergriffen ist. Für Deutschland ist die Qualifikation für die WM in Brasilien ja ein selbstgänger aber Kolumbien war 1998 das letzte mal dabei. Daher war die entscheidende Partie gegen Chile hier das Ereignis Nr. 1. Als am Freitag in ganz Santa Marta gut 50% der Bevölkerung in gelben Trikots gewandet herumliefen konnten auch wir nicht mehr ignorieren, dass ein bedeutendes Ereignis bevorstand. In der Marina wurden Bildschirme aufgebaut, Tische und Stühle und Kaltgetränke bereit gestellt. Glücklicherweise stiessen wir erst zur Halbzeit dazu. Zu diesem Zeitpunkt lag Chile 3:0 in Führung aber die Kolumbianer hatten noch nicht aufgegeben. Nach wie vor wurde jeder Angriff der Kolumbianischen Elf mit Hupen und lautem Geschrei (vamos colombia!!!) begleitet. Wer es verfolgt hat weiss, dass das kolumbianische Team mittels 2er Freistöße und eines regulären Tores den unglaublichen Ausgleich erzielte und sich in die WM schoss. Unmöglich zu beschreiben, was nach dem Ausgleichtor los war. (Siehe Video)
Am Montag sind wir erneut zu einem Ausflug aufgebrochen, diesmal in die Berge in das kleine dorf Minca. Das war schon allein deshalb lohnenswert, weil die Temperaturen dort oben deutlich unter meiner persönlichen Schmerzgrenze liegen und ich endlich mal aufhören konnte zu schwitzen. Ansonsten waren unsere Erwartungen nicht sehr hoch gesteckt, andere Segler hatten den Ausflug als eher wenig aufregend abgetan. Wir wanderten eine gute Stunde zu einem nahe gelegenen Wasserfall. Auf dem Weg dorthin gerieten wir in einen heftigen Regenguss, der uns bis auf die Haut durchnässte und konnten so aus erster Hand nachvollziehen, dass der uns umgebende Forst ein authentischer Regenwald war. Der Wasserfall selbst mit seinem kleinen Becken, war wunderbar kalt und hatte ein wenig Freibad-Athmosphäre, war daher wunderbar zum Studium der Geflogenheien der Einheimischen geeignet.

Auf dem Rückweg kehrten wir in einem kleinen Restaurant am Wegesrand ein, um uns bei einem Bier zu erfrischen. Das Restaurant war im wesentlichen um einen grossen Ziegelofen und Grill herum errichtet und lag mit einer wunderschönen Aussicht versehen direkt am Hang. Nachdem ich nicht umhin konnte hier die lokalen Chorizos (Bratwürste) vom Grill zu probieren kam der Wirt anschliessend vorbei, fragte ob wir Postres ( Nachtisch) wollten und stellte uns ungefragt eine Plastikbox auf den Tisch. Eine oberflächliche Inspektion des Inhalts ergab reichlich Marihuana. Kurz darauf wurde in den umgebenden Bäumen ein Tukan entdeckt was zu grosser Freude bei Gaylyn führte, hatten wir doch gerade kurz zuvor über den Vogel geredet. Das plötzliche auftauchen bunter Vögel war übrigens nicht dem Nachtisch geschuldet den wir höflich abgelehnt hatten.
Die anschliessende besichtigung des Dorfes führte zu dem Entschluss, dass wir unbedingt noch einmal wiederkommen müssen. Es gibt viele sehr nette kleine Posadas und Hostels und viele Angebote für alle möglichen Aktivitäten an der frischen Luft. Herausstechendes Angebot war ‘Cinco Aventuras en un Dia’ (5 Abenteuer an einem Tag ) für schlappe 95.000 Pesos (gut 40€) inkl. Lunch, Rafting, Paintball, Canyoning, Abseiling und Trecking.
Der Rückweg nach Santa Marta stellte sich als etwas kompliziert heraus. Zwar standen reichlich Taxis am Rande der Strasse aber ausser den Motorrad-Taxis schien niemand bereit uns eine Fahrt anzubieten. Das Problem wurde mir dann von einem der lustigen Trinker erklärt, die vor einer Kneipe fröhlich zechten. Teil der Runde wären die Taxi-Chauffeure und die seien mittlerweile alle borrachio (besoffen) daher gäbe es es kein Taxi, wurde mir mitgeteilt. Schweren Herzens kamen wir auf das Angebot der Motorradfahrer zurück, uns für gut 2€ pro Nase nach Santa Marta zu bringen, eine Form des Transportes, die ich bisher aufgrund des chaotischen Verkehrs versucht hatte zu vermeiden. Eine halbe Stunde und diverse Schlaglöcher und Serpentinen später hatten wir die Downhill-Piste überwunden und können stolz feststellen, dass wir auf dem Weg hinab alles überholt haben was Räder hat. Glücklicherweise sind die Geschwindigkeiten auf der Piste generell niedrig.

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