Colombia Hautnah II

Nach Villa de Levya (Teil 1) geht es weiter nach Bogota. Die Hauptstadt von Kolumbien hat uns nicht übermäßig begeistert. Die Altstadt – La Candelaria – beherbergt viele alte spanische Herrenhäuser. Daneben gibt es ein sehr gut gemachtes Goldmuseum, in dem man viel über die Geschichte, die Herstellung inklusive der verschiedenen Techniken und Legierungen kennenlernt, die zur Herstellung der unzähligen Austellungstücke verwendet werden.


Schon am 2. Tag zog es uns jedoch wieder aufs platte Land – vielleicht sind wir nach über einem Jahr auf dem Boot und zumeist kleinen Inseln der schieren Bevölkerungsmenge einer südamerikanischen Millionenstadt nicht mehr gewachsen. In den alten Salzbergwerken von Zipaquira – eine Stunde Busfahrt von Bogota entfernt –  ist in den alten Stollen eine Kathedrale in die Felsen gehauen worden. Ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen und Hallen beherbergt neben den Haupthallen der Kathedrale die von Künstlern gestalteten Stationen des Leidens Christi. Alles ist wunderbar beleuchtet und trotz der Massen von (kolumbianischen) Touristen eine aussergewöhnliche Sehenswürdigkeit.
An dieser Stelle muss ich einmal ein Loblied auf die Transportsysteme des Landes anstimmen. Es gibt Busverbindungen in das letzte Kaff und solange man sich in halbwegs zivilisierten Gegenden aufhält gibt es regelmäßige, preiswerte und sogar ziemlich pünktliche Verbindung. Je weiter man weg von den Ballungszentren kommt desto kleiner und schäbiger werden die Busse. Am Ende sind es nur noch Minivans oder gar Jeeps wenn es einen hoch in die Berge zieht. Mit den Jeeps gibt es noch ‘öffentlichen’ Transport auf den übelsten Pisten. Auf diese Weise kann man Exkursionen, die in den Hostals für amtliche Dollarpreise angeboten werden oft individuell für einen Bruchteil des Geldes selbst organisieren.
Nach Bogota stand Manizales auf dem Programm. Dort wollte Gaylyn im nahegelegen Parque Los Nevados Vulkane besteigen. Ich stand dem Unterfangen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die Vulkane sind zwischen 4700 und über 5000 m hoch und mein bisher einziger Ausflug mittels einer Seilbahn in Venezuela in Höhen über 5000 m war eine Erfahrung der besonderen Art, weil ich mich in der dünnen Luft kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Ob ich eine Bergwanderung in ähnlicher Höhe absolvieren könnte erschien mir fragwürdig.
Zunächst ging es aber zur Haciendia Venecia, einer Kafee-Hacienda in deren Hostal wir uns eingebucht hatten. Unser Bus nach Manizales kam spät an und wir standen zunächst etwas hilflos im Busterminal herum und versuchten aus den spärlichen Informationen zur Anreise in die 20 min ausserhalb gelegene Hacienda schlau zu werden. In dieser Situation kamen zwei der in Kolumbien allgegenwärtigen Polizisten auf uns zu. Wir wurden nach unserem Ziel befragt und nachdem einer der beiden über meine Schulter auf dem Pad das Ziel ausgemacht hatte wurde die Sache kurzerhand von der Polizei organisiert. Zunächst galt es die Nummer des Taxifahrers ausfindig zu machen, der mit der Hacienda zusammen arbeitet, dann wurde er angerufen und die Details verhandelt. Uns blieb nur die Ankunft des Taxis abzuwarten.

In der Hacienda angekommen stellte sich heraus dass unsere Reservierung nicht vorlag und kein entsprechender Raum frei war. Wir wurden kurzerhand in das Hotel der Hancienda umgebucht und logierten zu Hostalpreisen in First Class Unterbringung im ehemaligen Herrenhaus der Plantage. Ein unglaublicher Garten und ein wundervolles Haus mit Hängematten und Sitzecken an allen Ecken und Enden und einer Hausdame die uns ständig wunderbare Säfte aus exotischen Früchten servierte. Dazu standen überall interessante Bücher und Fotobände herum, die Hauskatze war uns gewogen und die Kollektion an Orchideen war unglaublich.
Am nächsten Morgen buchten wir die Kaffee-Tour, die mit den in Deutschland einst üblichen Kafee-Fahrten nicht verwechselt werden sollte. Wir lernten die Details der verschiedenen Kaffesorten und ihres Anbaus kennen, wurden in die verschiedenen Prozesse bei der Verarbeitung von der Kaffee-Beere bis zur fertigen Bohne eingeführt, rösteten unseren eigenen Kaffe und durften ihn dann anhand der zur Bestimmung von Kaffes verwendeten Aroma-Proben bestimmen. Danach ging es durch die Kaffee-Felder zur Anlage, wo wir die Produktionsanlage besichtigen durften. Da wir auf dieser Führung die einzigen Gäste waren, konnten wir Ruben – unseren Guide – nicht nur über die Geheimnnisse des Kaffees sondern auch über kolumbianische Interna politischer und gesellschaftlicher Natur aushorchen.
Weiter ging es nach Salento – eine weitere Kolonialstadt, in der die Zeit stehengelieben ist. Glücklicherweise lieben die Kolumbianer diese kleinen Städte ebenso wie die ausländischen Touristen und strömen am Wochenende scharenweise aufs Land. Salento liegt mitten in einer wundervollen Gebirgslandschaft. Am Tag 1 lies ich mich von Gaylyn zu einem Ausflug hoch zu Ross zu einem Wasserfall überreden, obwohl ich generell mit der Reiterei auf Kriegsfuss stehe. Wie zu erwarten, wurde es fürchterlich. Es ging auf einem uralten Pfad, der durch Jahrhunderte lange Benutzung zu Pferde tief in den Hang eingeschnitten war bergab. Der Weg war ausgesprochen steil, lehmig und mit Felsen durchsetzt, so dass die Pferde mehr hinabglitten und stolperten als ritten. Zudem sind die Pferde in Kolumbien zumeist recht klein und ich bin weder klein noch leicht, so dass mein armer Gaul schwer an mir zu tragen hatte und öfters fehltrat. Die Tatsache, dass meine Füße nicht recht in die Steigbügel passen wollten und ständig herausrutschen machte den Abstieg zusätzlich aufregend. Nach einem 2 1/2 stündigen Ritt durch wunderbare Landschaften voller Vögel und Schmetterlinge erreichten wir einen eiskalten Wasserfall. Nachdem auf dem Rückweg die diversen Wasserläufe durchquert waren, gelang es mir den Guide zu überzeugen, dass ich mich zufuß weitaus sicherer und angenehmer zu bewegen vermochte. Ich stieg ab und liess Gaylyn samt Führer und meinem Gaul davon ziehen. Es war zwar Schweiss treibend, den steilen Hohlweg zufuss wieder zu erklimmen aber trotzdem weitaus angenehmer als zu Pferde.
Am nächsten Tag lag eine Wanderung an. Es ging entlang eines Gebirgsbaches erst durch offenens Weideland dann durch Regenwald, über diverse Hängebrücken hinauf in die Berge. Zur Belohnung gab es auf halber Strecke eine Rast und den landestypischen Kakao mit Käseeinlage zu trinken. Nebenbei schwirrte die Luft förmlich vor Kolibris jeder Art und Gattung. Nach der Pause ging es erneut noch weiter hinauf auf über 2800 m und dann wieder zu Tal, wo die einzigartigen Wachspalmen (der Nationalbaum Kolumbiens) zu bestaunen waren. Ein lohnenswerter Ausflug aber 5 Stunden harte Arbeit. Glücklicherweise hatten wir erneut grosses Glück mit der Wahl der Unterbringung gehabt. Unser Zimmer lag in einem Nebengebäude des Hostals, abseits gelegen mit nahezu 360° Panoramascheiben, die Blicke in die umliegende Gebirgswelt und auf die 15 km entfernt im Tal liegende Stadt Armenia gestatteten. Zudem gab es einen Kamin, so dass wir den Abend vorm knisternden Feuer verbrachten.
Da Gaylyn unbedingt noch einen Vulkan besteigen wollte, ging es nächstentags wieder zurück nach Manizales. Kaum hatten wir das Gepäck abgestellt (fieses Hostel, warm Wasser und Internet am ersten Tag, dann nimmer mehr) wurde eine Tour für den nächsten Tag gebucht. Am Telefon hörte sich das noch ganz zivil an: Hoch mit dem Auto und dann 2 Stunden Hike runter, das ganze zwischen 4100 und 4700 m Höhe. Das war leider ein Missverständniss – meinem mangelhaftem Spanisch geschuldet. Im Geländewagen ging es 3 Stunden lang auf übelsten Pisten hoch auf 4100m. Dann zufuß 3 Stunden lang hoch zum Gletscher auf 4700 m und wieder hinab um dann noch einmal 2 1/2 Stunden im Geländewagen nach hause geschaukelt zu werden. Im Nachhinein sicherlich der schönste Ausflug der Reise, aber Dank meiner mangelnden Kompatibilität mit dünner Höhenluft und unserer eher für tropische Gefilde ausgelegten Bekleidung nicht ohne Härten. Schon am Start der Wanderung musste ich aktiv und schnell atmen um nicht dauernd von Schwindelgefühlen erfasst zu werden, am Gipfel waren alle paar Schritte Atempausen angesagt. Glücklicherweise war ich nicht der einzige, dem es so ging und wir konnten uns in der ansonsten aus jungen Rucksacktouristen bestehenden  Gruppe im Mittelfeld behaupten.

Die Gebirgslandschaft ist einzigartig und kommt in dieser Form nur in Südamerika vor. Der sogenannte Paramo besteht aus vielen Blumen (unter anderem Arnika) und Moosen und eigenartigen bis zu 3 m hoch wachsenden Pflanzen (Rosettenstauden). Zusammen mit dem Nebel der Wolken eine unwirkliche Landschaft. Am Ende war zwar nicht viel Vulkan aber immerhin ein Gletscher zu bestaunen und Gaylyn war zufrieden.
Damit war den Naturerlebnissen Genüge getan und wir zogen weiter nach Medellin, der einstigen Hauptstadt des Kokainhandels und Heimat von Pablo Escobar.  Die Stadt liegt in einem Gebirgstal und beherbergt gut 2.5 Millionen Einwohner. Es gibt viel zu sehen, sowohl an Architektur als auch an Kunst. Beeindruckend ist auch, wie die Stadt an den Hängen hinauf wächst. Die Elendsviertel hoch am Hang waren einst die Stadtteile in denen Drogenbaron Escobar seine Killer fand. Durch ein einmaliges Projekt sind diese Viertel mittlerweile wieder in die Stadt integriert und selbst als Tourist kann man sich dort hinein trauen. Mit internationaler Unterstützung wurde eine Seilbahn gebaut, welche die Viertel mit dem Metro-System der Stadt verbindet und den Bewohnern erlaubt Arbeit im Zentrum zu finden. Zuvor dauerte es Stunden um aus den Favelas in die Stadt zu gelangen. Eine weitere Seilbahn führt von dem ehemaligen Elendsviertel aus heraus aus dem Tal in die umgebende Gebirgslandschaft – ein Naherholungsgebiet für die Stadt. Wir liessen es uns nicht nehmen durch die einstigen Slums zu schlendern und in einer kleinen Bar auf ein Bier einzukehren – Abenteuerurlaub halt.

Die Stadt selbst hat zwar nicht sehr viel Altertümer zu bieten aber aufgrund Ihrer Lebendigkeit und der liebenswürdigen Art ihrer Bewohner habe ich sie sofort ins Herz geschlossen. Definitiv meine Lieblingsstadt in Kolumbien.
Damit neigte sich unsere Reise auch schon ihrem Ende zu, es stand noch ein Flug nach Cartagena und dann die Heimreise nach Santa Marta – zum Boot – bevor. Cartagena hat eine wunderschöne Altstadt. Die einst größte und schier uneinnehmbare Festung der Spanier auf dem neuen Kontinent enttäuschte uns allerdings ein wenig, denn wir hatten viel über die Stadt gelesen, deren Geschichte eng mit der der karibischen Inseln verbunden ist. Alle namhaften Piraten der Karibik haben sich früher oder später einmal an ihr versucht – meist wenig erfolgreich. Hier wurden die Reichtümer Südamerikas gespeichter und verladen um nach Spanien verschifft zu werden. Einiges von dieser Geschichte weht noch durch die Strassen der immer noch fast vollständig von Mauern umgebenen Altstadt. Um die Altstadt herum ist Cartagena aber eher traurig und die vielleicht ärmste und dreckigste Stadt,  die wir in Kolumbien gesehen haben. Daher beschlossen wir am 2. Tag kurz vor Checkout-Time im Hostal, dass wir genug gesehen hatten, die Sehnsucht nach unserem schwimmenden Zuhause wurde übermächtig.

Zwei Stunden später sassen wir im Bus nach Santa Marta. Die mit 3 Stunden angesetzte Reise wurde jedoch durch einen üblen Stau verlängert. Nachdem wir schon über eine Stunde festgesessen hatten kam plötzlich Bewegung in den Bus. Von einem Polizeifahrzeug mit Blaulicht wurde der Bus aus dem Stau heraus operiert und durch kleine Gassen Richtung Ziel geführt. Da der Bus zu hoch für die Stromleitungen im Dorf war, wurde eine Person mit einem Besen bewaffnet durch eine Luke aufs Dach verfrachtet. Der hob fortan die Stromleitungen hoch, damit der Bus passieren konnte. Wenig später waren wir am Stau vorbei und hatten die Strasse für uns. In Santa Marta angekommen lernten wir dass es häufig zu Blockaden käme, da die Bewohner eines an der Hauptstrasse gelegene Ortes auf diese Weise gegen die mangelhafte Versorgung mit Elektrizität protestiert. Gegen entsprechende Zahlung kann man sich aber offensichtlich vom Stau freikaufen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Kolumbien ein günstiges und einmaliges Reiseland ist. Die Kolumbianer sind unlaublich freundlich und hilfsbereit, das Verkehrssystem ist einzigartig und die Landschaften, die man durchreist sind unglaublich. Zu keinem Zeitpunkt fühlten wir uns in Kolumbien unsicher oder bedroht und mit ein wenig Spanischkenntnissen kommt man überall gut durch. Die Entwicklung des Landes von einem durch Terrorismus und Drogenkriminalität beherrschten Land ist bemerkenswert und macht den Stolz der Kolumbianer auf ihr Heimatland verständlich.

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3 Responses to Colombia Hautnah II

  1. Silvie says:

    Hallo Ihr Zwei,

    endlich komme ich mal wieder zum ausführlichen Lesens deines spannenden Blogs. Tolle Fotos, tolle Geschichten – waaaaaaahnsinn!!! Blöd nur, dass man schlimmes Fernweh kriegt und wir nicht einfach wegfliegen können, die Fernreise ist gestrichen. Cuba wird noch ein bißchen auf uns warten müssen… Es ist Herbst (aber momentan ganz schön mit viel Sonne und Licht) und ein langer Winter wird bald kommen – seufz… Macht Euch weiter eine schöne Zeit und genießt das Leben, wir denken an Euch und wünschen Euch alles Liebe! Dickes Bussi aus Hamburg, auch von Peter natürlich, Silvie

    • thomas says:

      Hallo Ihr Zwei, schade dass es im Atlantik nicht mehr hinhaut. Da müsst Ihr dann wohl in den Pazifik kommen. Tonga oder Fidschi klingt doch auch nicht schlecht oder? Nach Jamaika kann ja jeder und Kuba. Naja von Kuba höre ich nur Gutes… Macht nix, wir freuen uns, wo auch immer Ihr aufschlagt..
      Liebe Grüße Gaylyn & Thomas

  2. Silvie says:

    Aloha Ihr Lieben: au ja, Superidee, Fidschi wollte ich schon immer hin!!! Wir fangen schon mal das Sparen an ;-)) Und wie isses auf Jamaika? Es fehlt mal wieder ein ausführlicher Reisebericht von Euch, muss mich doch langsam beschweren… Hier ist tristes Nebel- und Regenwetter, da sieht man doch gern ein paar schöne Sonnenfotos…
    Die Hamburger City hat sich schon alle erdenklichen Weihnachtsklamotten angezogen und ist festlich geschmückt. Hat aber auch was, es kommt bald ein bißchen X-Mas-Stimmung auf, am Wochenende soll der erste Schnee fallen… Dickes Bussi an Euch und eine schöne Adventszeit bei 30 Grad wünschen wir Euch!

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